Das Überschreiten von Grenzen

Die Natur kennt keine Grenzen. Sie breitet sich aus, wenn sie kann. Der zivilisierte Mensch, vor allem in der Schweiz, hat jedoch etwas dagegen. Alles muss seine Ordnung haben, wird aggressiv in seine Schranken gewiesen und hinter Abgrenzungen aller Art gedrängt. Wollen wir aber wirklich wieder mehr Diversität, müssen wir diese klinische Aufgeräumtheit überwinden.

Jedes Mal, wenn ich von einer Reise in die Schweiz zurückkehre, fällt mir eines ganz rasch auf. Die Übergänge von „Natur“ zur „Zivilisation“ sind hart und klar, die Ränder sind gestutzt und es herrscht eine klinische Aufgeräumtheit. Aller „Wildwuchs“ wird aggressiv mit Maschinen und Mitteln aller Art eliminiert.

Ganz im Gegensatz beispielsweise zu Mallorca, wo ich eben unterwegs war. Da darf sich das Grün im Strassenbereich und Siedlungsraum ausbreiten, die Übergänge sind fliessend und es gibt viele „wilde“ Inseln.

Woran liegt das? Ist es die „Kultiviertheit“, die „Lebensart“ oder der „Lebensstil“? Warum muss bei uns sogar der Wegrand im Wald aussehen, als könnte man darauf frisch gewaschene Wäsche ausbreiten? Warum diese mangelnde Toleranz gegenüber der Natur und ihrem Überschreiten von Grenzen?

Die Biodiversität ist noch immer in aller Munde und noch immer nimmt sie rapide ab. Das spüren mittlerweile nicht mehr nur „grüne“ Menschen. Aber wenn wir wirklich wieder eine „biodiverse“ Schweiz wollen, müssen wir die klinische Sauberkeit überwinden. Punkt.

Vielleicht hilft für diesen Prozess, die fünf Sterbephasen von Elisabeth Kübler-Ross zu durchlaufen, um wieder mehr „Grenzüberschreitungen“ der Natur zuzulassen.

Phase 1: Nicht-Wahrhaben-Wollen

Auf die Nachricht, dass wir unsere Lebensgrundlagen durch unser Bedürfnis, alles kontrollieren und aufräumen zu wollen, zerstören, reagieren viele Menschen mit Verdrängung. Oft wird argumentiert, dass wo Wildwuchs herrscht, auch die Menschen wilder werden. Im Sinne von, sich mehr gehen lassen. Wichtig ist hier, sich seiner Verdrängung bewusst zu werden und sich über die Nachteile der klinischen Ordnung sowie die Vorteile der natürlichen Grenzüberschreitungen aufzuklären. Entsprechende Fachleute gibt es genug.

Phase 2: Zorn

Wut, Zorn oder Ärger treten bei Menschen häufig auf, die eine schlechte Nachricht erhalten. Schuldzuweisungen sind gang und gäbe. Aber wenn die eigene Wut nicht überwunden wird, gibt es keine Verbesserung. Auch in dieser Phase hilft Wahrheit und Aufklärung weiter, um die Wut zu überwinden. Beratungen bei entsprechenden Fachleuten sind eine probate Lösungsstrategie.

Phase 3: Verhandeln

Verhandeln ist ein bewährtes Mittel für einen Ausgleich der Interessen. Aber hinsichtlich der momentanen Lage gibt es im Prinzip nichts zu verhandeln. Klinische Aufgeräumtheit hat in der vielfältigen Natur nichts verloren. Punkt. Ausrufezeichen. Vielleicht mag hier erwähnt sein, dass Kontrollverlust immer auch ein Stück Freiheit mit sich bringt. Und die schätzen wir in der Schweiz doch irgendwie, nicht wahr?

Phase 4: Depression

Eventuell machen sich nach dem Überwinden der Zornphase und dem Hinweis auf Verhandlungsverweigerung Verzweiflung oder gar Depression bemerkbar. Wenn man jetzt begreift, dass klinische Sauberkeit in der Natur nichts verloren hat, könnte ein Wunder geschehen.

Phase 5: Akzeptanz

Sobald wir das Unabänderliche (die von uns als „Unordnung“ wahrgenommene Natur) angenommen haben, können wir den Kampf beenden. Die Türen zu etwas Neuem und Unbekannten öffnen sich. Wir sehen uns nicht mehr als Opfer der Umstände, sondern werden Handelnde, die im Sinne der natürlichen Grenzüberschreitungen gestalten.

Wie Joachim Bauer in seinem Buch „Schmerzgrenzen“ schreibt, ist der evolutionäre Zweck der Aggression, uns gegen die Zufügung von Schmerzen wehren zu können. Wie Experimente zeigen, bewertet unser Gehirn Ausgrenzung wie körperlichen Schmerz und reagiert darauf mit Aggression. Sobald wir also erkennen, dass unsere Ausgrenzung der Natur die Aggressionsspirale nur noch weiter vorantreibt, können wir sie durchbrechen. Fairness, Verständnis und Kooperation können einen Weg aus dieser Spirale weisen.

Grenzen wir uns also doch einfach nicht mehr von der Natur ab. Und damit auch von einem wichtigen Teil von uns. Lassen wir Grenzüberschreitungen mit Freude zu …