In einer Zeit, in welcher westliche Regierungen den freien Geist unterdrücken sowie kritische Diskussionen mit aller Macht verhindert werden, stellen sich fundamentale politische Fragen. Étienne de la Boétie, ein französischer Politphilosoph und Rechtsgelehrter aus dem 16. Jahrhundert, gibt darauf in seinem Diskurs THE POLITICS OF OBEDIENCE: The Discourse of Voluntary Servitude einige Antworten. Seine radikalen und weitreichenden Schlussfolgerungen über das Wesen der Tyrannei, die Freiheit des Volkes und darüber, was getan werden musste, um erstere zu stürzen und letztere zu sichern, sind zeitlos.

Ja, ich gebe es zu. Ich bin ein politischer Banause. Bis anhin habe ich mich weder für Politik noch für deren Vertreter oder Vertreterinnen interessiert. Aber im Zuge der laufenden und geplanten politischen Massnahmen und Entwicklungen habe ich angefangen, mir einige Fragen zu stellen.

Warum fordern demokratische Regierungen und das Volk einer illusorischen Sicherheit zuliebe den unbedingten Gehorsam und schränken Freiheiten rigoros ein? Warum herrscht eine grassierende Zensur? Warum ist kritisches, rationales Denken gefährlich? Warum gehorcht das Volk, ohne zu hinterfragen und genau hinzuschauen?

Bei meinen Recherchen bin ich auf den Diskurs THE POLITICS OF OBEDIENCE: The Discourse of Voluntary Servitude von Étienne de la Boétie, einem französischen Politphilosophen und Rechtsgelehrten aus dem 16. Jahrhundert gestossen. Er gibt darin zeitlose Einsichten in das Wesen nicht nur der Tyrannei, sondern implizit auch in das Wesen der staatlichen Herrschaft und der Freiheit selbst.

Warum gehorchen Menschen den Befehlen einer Regierung?

«But O good Lord! What strange phenomenon is this? What name shall we give it? What is the nature of this misfortune? What vice is it, or, rather, what degradation? To see an endless multitude of people not merely obeying, but driven to servility? Not ruled, but tyrannized over?»

La Boétie spricht hier einen zentralen Punkt an. Warum gehorchen Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten den Befehlen einer Minderheit? Was ist das Geheimnis des zivilen Gehorsams?

In der Kindheit gehorchen wir unseren Eltern, vermutlich weil die rationalen Fähigkeiten noch nicht entwickelt sind. Aber als Erwachsene sollten wir gemäss La Boétie als freie Individuen unserer eigenen Vernunft folgen und uns niemandem unterwerfen.

Laut La Boétie ist Vernunft unsere Richtschnur. Und sie lehrt uns die Gerechtigkeit der gleichen Freiheit für alle. Denn die Vernunft zeigt uns, dass die Natur uns unter anderem die gemeinsame Gabe der Stimme und der Rede geschenkt hat. Daher seine Schlussfolgerung „there can be no further doubt that we are all naturally free“.

Das Bewusstsein für Freiheit wird abgewöhnt

Freiheit ist also unser natürlicher Zustand. Aber warum geben Menschen sie freiwillig auf? Warum geben sie massenweise ihre Zustimmung zur Unterwerfung, momentan ja sehr eindrücklich zu beobachten. Oder wie La Boétie es audrückt: «Liberty is the only joy upon which men do not seem to insist; for surely if they really wanted it they would receive it.»

Gemäss La Boétie erfolgt diese Massenunterwerfung nicht einfach aus Feigheit oder aus Angst, sondern aus Zustimmung und Gewohnheit. Die Menschen ergeben sich meist erst freiwillig und werden dann dazu erzogen, sich zu unterwerfen und die Herrschenden zu verehren.

So wird der natürliche Freiheitsdrang der Menschen schliesslich von der Macht der Gewohnheit besiegt. Der innewohnende Drang nach Freiheit wird zerstreut, wenn er nicht gefördert wird. Kurz gesagt, der Mensch folgt instinktiv den Tendenzen, die ihm seine Umgebung vermittelt. La Boétie kommt zum Schluss, dass die Gewohnheit zum ersten Grund für die freiwillige Knechtschaft wird.

Propaganda, Brot und Spiele fördern die Zustimmung

Ein weiterer wichtiger Grund für die Beharrlichkeit des zivilen Gehorsams, ist die aktive Förderung und Gestaltung des allgemeinen Konsens durch die Machthaber. Dafür setzen sie verschiedene Mittel ein. Beispielsweise, die Massen mit unterhaltsamen Ablenkungen aller Art zu versorgen. Oder die Massen so zu täuschen, dass sie glauben, die Herrschenden seien weise, gerecht und wohlwollend. Sehr beliebt und äusserst wirksam sind auch materielle Vorteile aller Art.

Die Methoden -– spekulative Ideologie, mystische Glorifizierung und Unterhaltung –, mit denen Herrschende heute die Massen schröpfen und ihre Zustimmung erlangen, sind die gleichen wie zu Zeiten von La Boétie. Der einzige Unterschied zu damals ist die enorme Zunahme des Einsatzes spezialisierter Intellektueller im Dienste der Herrschenden (momentan auch sehr gut zu beobachten). La Boétie hält die Einrichtung einer Hierarchie von untergeordneten Verbündeten, einer loyalen Gruppe von Gefolgsleuten und Bürokraten für die Triebfeder und das Geheimnis der Herrschaft, die Stütze und Grundlage der Tyrannei. Auf diese Weise durchdringe die verhängnisvolle Hierarchiepyramide die Reihen der Gesellschaft von oben nach unten, bis sich Hunderttausende, ja sogar Millionen durch diese Schnur, an die sie gefesselt sind, an die Herrschenden klammern, so La Boétie.

Staatsapparat entmystifizieren und Korruption aufdecken

Wie kann angesichts der verheerenden und scheinbar überwältigenden Macht des modernen Staates eine freie und ganz andere Welt geschaffen werden? Wie um alles in der Welt können wir von hier nach dort gelangen, von einer Welt der Tyrannei zu einer Welt der Freiheit? Wie soll das Volk so weit gebracht werden, dass es sich entscheidet, seine Zustimmung zurückzuziehen?

An erster Stelle steht La Boéties Einsicht, dass jeder Staat, wie rücksichtslos und despotisch er auch sein mag, auf lange Sicht auf die Zustimmung der Mehrheit der Öffentlichkeit angewiesen ist. Damit diese Zustimmung bröckelt, ist es entscheidend, die Allgemeinheit für die Entmystifizierung und Entweihung des Staatsapparates zu sensibilisieren. Dabei reicht es nicht, die Bevölkerung über die „Fehler“ der Regierung aufzuklären. Denn vieles von dem, was der Staat tut, ist aus seiner Sicht überhaupt kein Fehler, sondern ein Mittel zur Maximierung seiner Macht, seines Einflusses und seines Einkommens.

Der Staat ist ein mächtiger Motor der Macht und der wirtschaftlichen Ausbeutung, und deshalb muss die Aufklärung der Öffentlichkeit zumindest eine Aufklärung über diese Ausbeutung sowie über die wirtschaftlichen Interessen und intellektuellen Apologeten, die von der staatlichen Herrschaft profitieren, beinhalten.

Wenn sich die Dinge ändern sollen, muss die Allgemeinheit also erkennen, wie sehr die Grundlage der staatlichen Tyrannei in den riesigen Netzwerken korrumpierter Menschen liegt, die ein Interesse an der Aufrechterhaltung der Staatsherrschaft haben.

Aufklären und Zustimmung entziehen

La Boétie sieht vor allem in der gebildeten Elite ein grosses Potenzial, diese Aufklärung voranzutreiben. Sie bilden quasi die Vorhut der revolutionären Widerstandsbewegung gegen despotische Regierungen. Wenn sie ihre Aufgabe mit einer festen, rückhaltlosen und aufrichtigen Absicht angehen, ist ein wichtiger Schritt Richtung Aufklärung der Öffentlichkeit zur Wahrheit getan. So werden sie dem Volk das Wissen um die Segnungen der Freiheit und um die vom Staat geförderten Mythen und Illusionen zurückgeben.

Weitaus revolutionärer, wenn es darum geht, eine Transformation des Systems selbst einzuleiten, ist aber der massenhafte zivile Ungehorsam, der eine direkte Handlung seitens grosser Volksmassen ist. Er ist auch in theoretischer Hinsicht eleganter und tiefgreifender, da er sich unmittelbar aus La Boéties Einsicht ableitet, dass Macht notwendigerweise auf der Zustimmung des Volkes beruht; denn dann besteht das Heilmittel zur Macht darin, diese Zustimmung einfach zurückzuziehen.

«You can deliver yourselves if you try, not by taking action, but merely by willing to be free. Resolve to serve no more, and you are at once freed.»

Freiheit aus der Knechtschaft entsteht nicht durch Gewalttätigkeit, sondern durch die Weigerung zu dienen. Tyrannen fallen, wenn das Volk seine Unterstützung zurückzieht.

Quelle: De La Boetie, Etienne. 1975. THE POLITICS OF OBEDIENCE: The Discourse of Voluntary Servitude. Introduction by Murray N. Rothbard. Translated by Harry Kurz. Auburn, Alabama: The Mises Institute.

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